Von Süd nach Nord mit Hopfenhenne
Pils, Kölsch, Altbier, Weißbier. Wer glaubt, deutsches Bier ließe sich auf ein paar bekannte Sorten reduzieren, unterschätzt die Sache gewaltig.
Denn Bier ist in Deutschland erstaunlich regional.
Manchmal reichen schon wenige Kilometer, und plötzlich steht ein anderer Bierstil auf dem Tisch. In Köln trinkt man Kölsch aus der schmalen Stange, auf der anderen Rheinseite gehört Altbier zum guten Ton. In Bayern wartet das Weißbier, in Franken eine enorme Brauereidichte und in Leipzig eine Bierspezialität, die lange beinahe verschwunden war.
Wer Deutschland über seine Biere kennenlernt, bekommt deshalb ganz nebenbei eine Lektion in Geschichte, Kultur und regionalem Eigensinn.
Hopfenhenne nimmt dich mit auf eine kleine Bierreise durch die wichtigsten deutschen Bierregionen und ihre Spezialitäten.
Bayern: Weißbier, Helles und eine ziemlich große Bierauswahl
Beginnen wir dort, wo bei „deutschem Bier“ international wahrscheinlich besonders schnell Lederhose, Maßkrug und Biergarten vor dem inneren Auge auftauchen: in Bayern.
Das Klischee greift zwar etwas kurz. Ganz falsch ist die Verbindung zwischen Bayern und Bier allerdings nicht.
Weißbier – der bayerische Klassiker
Eine der bekanntesten bayerischen Spezialitäten ist das Weißbier beziehungsweise Weizenbier. Ein wesentlicher Teil des verwendeten Malzes besteht aus Weizenmalz.
Typisch für ein Hefeweizen sind seine natürliche Trübung, eine kräftige Schaumkrone und fruchtig-würzige Aromen. Besonders bekannt sind Noten, die an Banane und Gewürznelke erinnern können.
Und nein: Da hat niemand heimlich eine Banane ins Sudhaus geworfen. Diese Aromen entstehen durch die verwendete Hefe während der Gärung.
Münchner Helles – zurückhaltend, aber nicht langweilig
Ebenfalls fest mit Bayern verbunden ist das Helle.
Es ist hellgolden, untergärig und meist deutlich weniger hopfenbitter als ein klassisches Pils. Stattdessen stehen Malzaromen und eine hohe Trinkbarkeit im Vordergrund.
Das klingt zunächst unspektakulär.
Ein wirklich gutes Helles zeigt allerdings ziemlich gnadenlos, wie sauber eine Brauerei arbeitet. Hinter dem vermeintlich einfachen Bier steckt mehr Können, als der erste Schluck vermuten lässt.
Bockbier – wenn es etwas kräftiger sein darf
Auch kräftigere Biere haben in Bayern eine lange Tradition. Besonders bekannt ist der Doppelbock, der häufig malzbetont, vollmundig und vergleichsweise alkoholstark ausfällt.
Viele Doppelböcke tragen Namen mit der Endung „-ator“. Das ist kein Zufall, sondern eine Tradition, die zahlreiche Brauereien übernommen haben.
Wer also irgendwo einen Salvator, Celebrator oder ähnlich dramatisch klingenden „-ator“ entdeckt, sollte einen Blick auf das Etikett werfen. Die Chancen auf einen Doppelbock stehen nicht schlecht.
Franken: Bierland für Entdecker
Franken gehört politisch zu Bayern, besitzt aber eine derart ausgeprägte eigene Bierkultur, dass die Region einen eigenen Platz auf unserer Bierreise verdient.
Vor allem Oberfranken ist für seine Vielzahl kleiner und traditionsreicher Brauereien bekannt. Statt eines einzigen dominierenden Bierstils begegnet dir hier eine bemerkenswerte Bandbreite.
Kellerbier und Zwickel
Besonders typisch sind Kellerbiere und Zwickelbiere.
Sie werden häufig unfiltriert und naturtrüb ausgeschenkt und können je nach Brauerei von hell und mild bis kräftig malzig und bernsteinfarben reichen.
Rauchbier aus Bamberg
Eine der außergewöhnlichsten deutschen Bierspezialitäten kommt aus Bamberg: Rauchbier.
Seinen charakteristischen Geschmack erhält es durch Rauchmalz. Traditionell wird das Malz über offenem Feuer beziehungsweise Rauch gedarrt, wodurch intensive rauchige Aromen entstehen.
Beim ersten Schluck denken manche an Lagerfeuer, Räucherschinken oder geräuchertes Holz.
Rauchbier gehört damit eindeutig in die Kategorie: einmal probieren und eine Meinung dazu haben.
Langweilig ist es jedenfalls nicht.
Köln: Kölsch gehört zur Stadt
Kaum ein deutscher Bierstil ist so eng mit einer einzelnen Stadt verbunden wie Kölsch mit Köln.
Kölsch ist hell, obergärig und vergleichsweise schlank und frisch im Geschmack. Serviert wird es traditionell in einem schmalen, zylindrischen Glas, der Kölschstange, die normalerweise 0,2 Liter fasst.
Wer aus Regionen kommt, in denen ein halber Liter als vollkommen normale Bierportion gilt, könnte das zunächst für einen Scherz halten.
Das System hat allerdings einen gewissen Charme.
Im traditionellen Brauhaus bringt der Köbes – so wird der Kellner dort genannt – häufig automatisch ein neues Kölsch, sobald das Glas leer ist.
Wer genug hat, legt den Bierdeckel auf das Glas.
Manchmal ist Kommunikation erfreulich einfach.
Darf jedes helle Bier Kölsch heißen?
Nein.
Die Bezeichnung Kölsch ist geschützt und mit der Stadt Köln und ihrer Umgebung verbunden. Welche Brauereien ihr Bier Kölsch nennen dürfen, ist in der Kölsch-Konvention geregelt.
Kölsch ist damit nicht einfach die allgemeine Bezeichnung für ein helles, obergäriges Bier.
Düsseldorf: Altbier – und bitte nicht mit Kölsch verwechseln
Von Köln aus müssen wir für unsere nächste Spezialität nur ein Stück den Rhein hinunter.
In Düsseldorf heißt das typische Bier Altbier.
Und spätestens hier sollte man vorsichtig damit sein, Kölsch und Alt in einen Topf zu werfen. Die freundschaftlich gepflegte Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf gehört schließlich fast genauso zur regionalen Bierkultur wie die Getränke selbst.
Was ist Altbier?
Altbier ist wie Kölsch obergärig, unterscheidet sich geschmacklich und optisch aber deutlich davon.
Es besitzt meist eine kupferne bis dunkelbraune Farbe, bringt ausgeprägtere Malzaromen mit und kann gleichzeitig eine merkliche Hopfenbittere besitzen.
Der Name „Alt“ bedeutet übrigens nicht, dass das Bier besonders lange herumgestanden hat.
Er verweist auf die ältere, obergärige Brauweise. Im Gegensatz zu den später weit verbreiteten untergärigen Lagerbieren.
Norddeutschland: Pils und herbere Töne
Je weiter unsere Bierreise Richtung Norden geht, desto wichtiger wird ein Bierstil, der heute in ganz Deutschland verbreitet ist: Pils.
Streng genommen stammt der Ursprung des Pilsners allerdings nicht aus Deutschland, sondern aus dem heutigen tschechischen Plzeň, dem deutschen Pilsen.
Die Brauart verbreitete sich anschließend enorm – und entwickelte sich auch in Deutschland weiter.
Was zeichnet deutsches Pils aus?
Typisch sind eine helle Farbe, eine klare Erscheinung und eine deutlich wahrnehmbare Hopfenbittere.
Vor allem in Norddeutschland haben sich häufig eher trockene und herbe Interpretationen etabliert.
Damit ist das Pils für viele Menschen zum Inbegriff des deutschen Bieres geworden.
Was ein bisschen unfair gegenüber all den anderen Bierstilen ist.
Aber wir arbeiten ja gerade daran.
Dortmund und das Ruhrgebiet: Dortmunder Export
Das Ruhrgebiet besitzt ebenfalls seine eigene Biergeschichte.
Eine der bekanntesten Spezialitäten ist das Dortmunder Export.
Der Stil entwickelte sich im 19. Jahrhundert in Dortmund, als die Stadt durch Industrialisierung, Bergbau und Stahlindustrie stark wuchs.
Exportbier ist untergärig und besitzt typischerweise etwas mehr Stammwürze und Körper als viele leichtere Lagerbiere. Geschmacklich liegt es häufig zwischen der malzigen Milde eines Hellen und der Hopfenbetonung eines Pils.
Heute begegnet einem Dortmunder Export deutlich seltener als Pils.
Wer sich für historische deutsche Bierstile interessiert, sollte es trotzdem auf die Probierliste setzen.
Berlin: Die Berliner Weisse
Weiter geht es in die Hauptstadt.
Die Berliner Weisse ist ein obergäriges Weizenbier mit ausgeprägter Säure und vergleichsweise niedrigem Alkoholgehalt.
Historisch war sie eng mit Berlin verbunden und genoss zeitweise einen hervorragenden Ruf.
Später geriet der Bierstil zunehmend aus der Mode. Inzwischen beschäftigen sich jedoch wieder Brauereien mit traditionellen und modernen Interpretationen.
Berliner Weisse mit Sirup?
Viele kennen die Berliner Weisse vor allem „mit Schuss“ – beispielsweise mit Waldmeister- oder Himbeersirup.
Das ist eine bekannte Variante, aber keineswegs die einzige Möglichkeit, den Bierstil zu trinken.
Wer sich wirklich für das Bier interessiert, sollte eine gute Berliner Weisse zunächst einmal pur probieren.
Danach darf selbstverständlich experimentiert werden.
Wir sind hier schließlich nicht die Bierpolizei.
Leipzig: Gose – salzig, säuerlich und außergewöhnlich
Leipzig hat mit der Gose einen der ungewöhnlichsten historischen deutschen Bierstile zu bieten.
Gose ist ein obergäriges Bier, das typischerweise säuerlich schmeckt und traditionell unter anderem mit Koriander und Salz gebraut wird.
Salz im Bier?
Ja.
Und bevor du das Gesicht verziehst: Es funktioniert erstaunlich gut.
Die Kombination aus Säure, leichter Salzigkeit und würzigen Noten sorgt für ein erfrischendes Bier, das sich deutlich von Pils, Hellem oder Weizen unterscheidet.
Der Stil war zeitweise fast verschwunden, wurde später aber wiederbelebt und hat inzwischen auch international Fans gefunden.
Einbeck: Die Heimat des Bockbiers
Beim Bockbier denken viele zuerst an Bayern.
Seine historischen Wurzeln führen jedoch nach Einbeck in Niedersachsen.
Das dort gebraute Bier war bereits vor Jahrhunderten überregional bekannt und wurde unter anderem nach Bayern exportiert.
Als man begann, den Bierstil in München nachzubrauen, entwickelte sich aus der Bezeichnung für das Einbecker Bier im Laufe der Zeit der Begriff „Bockbier“.
Zumindest der überlieferten Geschichte nach.
Damit steckt hinter einem der bekanntesten kräftigen deutschen Bierstile eine kleine sprachliche Reise von Niedersachsen nach Bayern.
Wie schmeckt Bockbier?
Bockbier ist meist kräftig, vollmundig und deutlich malzbetont. Je nach Variante können Aromen von Brot, Karamell, Trockenfrüchten oder dunklem Malz auftreten.
Neben dem klassischen Bock gibt es unter anderem Doppelbock, Weizenbock und Maibock.
Definitiv kein Bierstil, den man auf „dunkel und stark“ reduzieren sollte.
Thüringen: Schwarzbier
Eine weitere traditionsreiche deutsche Bierspezialität ist das Schwarzbier, das besonders eng mit Thüringen verbunden wird.
Seine sehr dunkle Farbe entsteht durch die verwendeten dunklen beziehungsweise gerösteten Malze.
Optisch könnte man deshalb ein besonders schweres Bier erwarten.
Das muss Schwarzbier aber überhaupt nicht sein.
Viele Vertreter sind überraschend schlank und gut trinkbar. Typisch können Röst-, Kaffee-, Brot- oder leichte Schokoladennoten sein, ohne dass das Bier zwangsläufig süß oder besonders alkoholstark ist.
Ein schönes Beispiel dafür, warum man Bier nicht nach seiner Farbe beurteilen sollte.
Bierregion Deutschland: Viel mehr als Pils und Weißbier
Unsere kleine Reise zeigt vor allem eines: Die deutsche Bierlandschaft ist wesentlich vielfältiger, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Bayern bringt Helles und Weißbier mit, Franken Keller- und Rauchbier. Köln verteidigt sein Kölsch, Düsseldorf sein Alt. Dortmund hat das Export, Berlin die Berliner Weisse, Leipzig die Gose und Thüringen das Schwarzbier. Die Geschichte des Bockbiers wiederum führt uns bis nach Einbeck.
Und damit haben wir noch längst nicht jede regionale Spezialität erwischt.
Genau darin liegt der Reiz.
Du musst nicht einmal ins Ausland reisen, um völlig unterschiedliche Biertraditionen kennenzulernen. Manchmal reicht schon eine Zugfahrt in die nächste Region.
Natürlich lassen sich deutsche Bierregionen nicht immer sauber mit dem Lineal voneinander trennen. Bierstile wandern, Brauereien interpretieren Traditionen neu und längst wird IPA in Bayern genauso gebraut wie Helles in Norddeutschland.
Die regionalen Klassiker erzählen trotzdem etwas, das über den Geschmack hinausgeht: Bier ist ein Stück regionale Kulturgeschichte.
Vielleicht ist das der beste Grund, beim nächsten Bierkauf einmal nicht zum üblichen Favoriten zu greifen.
Such dir eine Region aus. Probier ihre Spezialität.
Und arbeite dich durch Deutschland.
Rein wissenschaftlich, versteht sich.